Was ist eigentlich ein Umgebindehaus?
Umgebinde und Blockstube
Das Umgebinde ist eine hölzerne Stützkonstruktion, die die Blockstube umschließt und das Dach oder Fachwerkoberstock abstützt. Die Blockstube wird aus waagerecht übereinander geschichteten Holzbalken errichtet. Dabei werden die Spalten zwischen den Bohlen der Blockstube mit einem weißen Gemisch aus Lehm und Stroh verschmiert. Je nach Zimmermannstechnik sind die Bohlen an den Ecken verzahnt. Den Unterschied zwischen eine Blockstube und Blockhütte sieht man auf den ersten Blick – für den Bau von Blockhütten werden geschälte Baumstämme verwendet, die an den Ecken überstehen, und der Fugenverstrich fehlt. Vereinfacht gesagt, ein Blockhaus oder eine Blockhütte ist eigentlich eine einfachere Blockstube.
Wodurch zeichnet sich ein Umgebindehaus?
Das Kernmerkmal ist die bauliche Trennung der Geschosse. Das Umgebinde besteht aus Holzpfeilern, die den Stubenkörper „umbinden“. Typisch sind auch die Rundbögen im Außenbau, welche das Erdgeschoss umschließen, verzierte Giebelseite und Giebelverkleidung, Fundament aus Naturstein, früher auch Schieferdach. Einige Umgebindehäuser waren bloß einstöckig, aber die meisten besaßen ein Fachwerk- oder Blockobergeschoss, manchmal mit einem Laubengang ergänzt – abhängig davon, in welchem Teil Nordböhmens das Umgebindehaus stand.

Warum Umgebinde?
Die Blockstube neigt wegen Feuchtigkeits- und Temperaturschwankungen zum Absacken und Auseinanderfallen, der Schrumpfprozess kann zu Deformierungen von Dach oder Obergeschoss führen. Die Stützkonstruktion hat die Aufgabe, die Blockstube von der Last des Daches/Obergeschosses zu entlasten. Dadurch hindert es den Zerfall des Hauses, bzw. ermöglicht den Austausch von alten, morschen Holzbalken ohne Einsturzgefahr.
Umgebindehaus im Laufe der Zeit
Entwicklung der traditionellen Bauweise im Dreiländereck
Die Geschichte der Umgebindehäuser reicht bis ins Mittelalter zurück, als im 13. Jahrhundert deutsche Siedler in den böhmischen Ländern ansässig wurden. Die slawische Blockbauweise wurde mit dem deutschen Fachwerk kombiniert, die eigenwillige Konstruktion wurde über die Jahrhunderte weiterentwickelt und an neue Anforderungen sowie lokale Klimabedingungen angepasst. Häufige Regenschauer, stellenweise Alpenklima, unfruchtbarer Boden und bewaldete Täler, wo sich Bäche und Flüsse schlängeln, das alles führte zur Entwicklung von Handel und Handwerk. Es wurde vor allem der Holzreichtum der Region genutzt. In dichten Wäldern wurden Holzrinnen zur Beförderung von Blochen zu Tal gebaut. Diese Rinnen wurden in einen Fluss geleitet, damit die Bloche im Wasser weitergedriftet werden konnten. Bis heute sind Residuen der Holzgewinnung in Wäldern zu finden. Von da war es nur noch ein Schrittchen zum Aufkommen der Umgebindehäuser.
Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert entwickelten sich verschiedenste Haustypen. In der kleinen Region des Lausitzer Gebirges und des Dreiländerecks sind gleich zwei Haupttypen der Umgebindehäuser zu finden – das Oberlausitzer Umgebindehaus, das durch das deutsche Fachwerk beeinflusst wurde, und das nordböhmische Umgebindehaus mit einem Blockbauoberstock. Schöne Umgebindehäuser mit einem Fachwerkgeschoss findet man zum Beispiel in der Dorfdenkmalzone Kryštofovo Údolí (Christofsgrund), Häuser mit einem Blockbauoberstock kommen mehr auf der anderen Seite des Lausitzer Gebirges vor, zum Beispiel in Dörfern Sloup v Čechách (Bürgstein) oder Krompach (Krombach).

Jedes Haus ist ein Unikat
Die Umgebindehäuser sind genauso vielfältig wie die Mensen aus dem „Umgebindeland“ – Schätzungen gehen von rund 19.000 erhaltenen Umgebindehäusern in der Dreiländerregion, leider sind nicht alle Häuser im bewohnbaren Zustand. Neben verschiedenen Ausführungen des Obergeschosses gibt es Unterschiede in der Schnitzarbeit, vor allem bei Umgebinden und Giebeln. Die Giebelverkleidung drückt große Individualität und regionale Baukultur aus: einfache Verbretterungen, Mosaiken aus Bruchschiefer, verschiedene Schmuckelemente. Verstreut wie Perlen liegen sie in den Bergtälern und an den Bergwiesen, aber auch in Städten, versteckt unter anderen Häusern. Die Bewohner waren oft Handwerker und ihre Umgebindehäuser vereinten sowohl Wohn- als auch Arbeitsbereiche unter einem Dach (zum Beispiel Glaswerkstätten, Webereien). Heute werden Umgebindehäuser als touristische Infozentren, Sitze multinationaler Unternehmen, Ferienhäuser, Restaurants oder Pensionen genutzt.

Umgebindehäuser entdecken
Am 30. Mai 2026 findet im Schluckenauer Zipfel, Lausitzer Gebirge und in der Friedländer Region der Tag des offenen Umgebindehauses statt. Private Eigentümer öffnen ihre Türen und laden Besucher ein, einen Blick hinter die Fachwerkmauer zu werfen und mehr über das Leben in alten Mauern, Geschichte und Sanierung zu erfahren. Mehr Info finden Sie hier und auf unserer Facebook-Seite Lausitzer und Zittauer Gebirge – der unentdeckte Juwel des Nordens. Umgebindehäuser in Deutschland und Polen öffnen ihre Türen am 31. Mai.


